Caritasverband für die Region Eifel e.V. Präventionsbeauftragte für sexualisierte Gewalt

Der Caritasverband für die Region Eifel e.V. schuf 2016 die Stelle der Präventionsbeauftragten für sexualisierte Gewalt, die sich dezidiert mit der Prävention von sexueller Gewalt von und an Mitarbeitenden beschäftigt und das institutionelle Schutzkonzept umsetzt.

Arbeitgebertyp:
Gemeinnützige Organisation
Branche:
Wohlfahrtspflege
Anzahl der Mitarbeiter*innen:
500
Maßnahme:
Präventionsbeauftragte
Durchführung:
seit 2017
Weitere Maßnahmen gegen sexuelle Belästigung:

Sensibilisierung; Fortbildungen/ Schulung; externe Präventionsangebote; Vernetzung

Kontakt

Lena Winter, Präventionsbeauftragte für sexualisierte Gewalt E-Mail: l.winter@caritas-eifel.de Telefon: 02441 7776087

Einige Angaben zum Arbeitgeber

Der Caritasverband für die Region Eifel e.V. ist in den Bereichen soziale Arbeit, psychiatrische Dienste, Gesundheit und Pflege sowie Migrationshilfe tätig. Darunter fallen so vielfältige Angebote wie betreutes Wohnen, Familienberatung, Suchtberatung, Kinder- und Jugendhilfe und ambulante sowie teilstationäre Pflege. Der Schwerpunkt liegt in der ambulanten und teilstationären Pflege mit 330 Beschäftigten, davon sind 93 Prozent Frauen.

Ausgangslage und Motivation

Weiterführende Materialien zur Maßnahme

Die Einführung der Maßnahmen des Caritasverbands für die Region Eifel e.V. stand im Zusammenhang mit den Missbrauchsskandalen in der katholischen Kirche und den verstärkten Bemühungen, sexuelle Übergriffe gegen Kinder und Jugendliche in den kirchlichen Einrichtungen zu verhindern. In der von der Bischofskonferenz beschlossenen Rahmenordnung zur Prävention von sexualisierter Gewalt an Minderjährigen und schutz- oder hilfebedürftigen Erwachsenen ist vorgegeben, dass es in kirchlichen Einrichtungen eine für Präventionsfragen geschulte Person geben muss, die bei der Umsetzung des institutionellen Schutzkonzepts beraten und unterstützen kann. Während in vielen Institutionen Beschäftigte diese Aufgabe nebenamtlich übernehmen, entschied sich der Caritasverband für die Region Eifel e.V. 2016, eine hauptamtliche Kraft für diese Tätigkeit einzusetzen. Im Gegensatz zu vielen anderen kirchlichen Einrichtungen, die den Fokus auf Prävention sexueller Gewalt von Beschäftigten gegen Klient*innen legen, sieht dieses Konzept eine ganzheitliche Behandlung der Thematik vor. Auch sexualisierte Übergriffe gegen Mitarbeiter*innen werden so in allen denkbaren Konstellationen mitgedacht und angegangen.

Aus Sicht des Geschäftsführers sind diese Maßnahmen längst überfällig. Sexismus in der Gesellschaft und Gewalt gegen Frauen seien leider immer noch Alltag und sexuelle Übergriffe gebe es in allen Bereichen. Dementsprechend komme es auch in der Pflege immer wieder zu sexueller Belästigung, zumeist würden Mitarbeiterinnen durch meist ältere, pflegebedürftige Männer belästigt. Dabei spiele eine Rolle, dass die körpernahe Arbeit mit und am Menschen eine abgeschwächte Grenzwahrnehmung begünstige. Es gebe eine Mentalität in der Pflege, solche Vorfälle entweder zu verharmlosen ("Stell dich nicht so an!") oder auf unangemessene Gegenwehr zu setzen ("Hau dem einfach auf die Finger!"). Es sei die Pflicht der Arbeitgeber, den Mitarbeiter*innen zu vermitteln, dass sie mit diesem Problem nicht allein sind und für den Schutz der Beschäftigten zu sorgen.

Maßnahmenbeschreibung

Die Präventionsbeauftragte der Caritas für die Region Eifel e.V. ist als Stabsstelle direkt der Geschäftsführung unterstellt. Sie ist mit der Erstellung und Umsetzung des Präventionskonzeptes betraut und koordiniert alle Aktivitäten zum Thema in der Einrichtung. Ihre Hauptaufgaben sind die Organisation und Durchführung der Schulungs- und Fortbildungsmaßnahmen gegen sexualisierte Gewalt in der eigenen Einrichtung und die Beratung und Bearbeitung von Beschwerden bei Einzelfällen. Für die Intervention in Einzelfällen entwickelte die Präventionsbeauftragte ein Ablaufschema, das in Schulungen den Beschäftigten vermittelt wird. Dabei ist wichtig, dass alle wissen, dass sie sich an die Vorgesetzten oder an sie als Präventionsbeauftragte wenden können. Das Ansprechen von Vorfällen ist ausdrücklich erwünscht. Nach Kontaktaufnahme und Beratung von Betroffenen leitet die Präventionsbeauftragte die notwendigen Schritte ein. Dies kann die Information der Vorgesetzten sein, in schwerwiegenden Fällen auch das Einsetzen eines Krisenstabs aus der Präventionsbeauftragten, der Geschäftsleitung und der Fachbereichsleitung und/oder Pflegedienstleitung. Wichtig ist aus Sicht der Präventionsbeauftragten, dass die Fälle ernst genommen werden und wenn erforderlich auch tatsächlich Konsequenzen folgen. Im Sinne des Schutzes der Beschäftigten werden daher zunächst vorübergehende oder dauerhafte Wechsel in der Zuständigkeit für bestimmte Kund*innen erwogen, aber in letzter Konsequenz auch Verträge mit belästigenden Kund*innen gekündigt und arbeitsrechtliche Konsequenzen bei Übergriffen von Beschäftigte gezogen. In Fällen von sexualisierter Gewalt werden die Betroffenen auch über die Möglichkeit einer Strafanzeige beraten. Die Präventionsbeauftragte arbeitet eng mit dem Verein RückHalt e.V. – Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt zusammen. Bei Bedarf können die Pflegefachkräfte in der Städteregion Aachen unterstützende Beratung durch diese Fachberatungsstelle erhalten. Auch in Supervisionsgruppen können und sollen Vorfälle sexueller Übergriffe durch Klient*innen zur Sprache kommen.

Auch bei den Schulungen gibt es eine Kooperation zwischen der Präventionsbeauftragten und RückHalt e.V. Diese externe Beratungsstelle bietet zweistündige Sensibilisierungsworkshops für Altenpflegekräfte an, bei denen es um Erfahrungen sexueller Belästigungen durch zu Pflegende geht. Der Caritasverband verpflichtet darüber hinaus grundsätzlich alle Mitarbeitenden einschließlich der Ehrenamtlichen zur Teilnahme an eintägigen Schulungen zum Thema sexuelle Gewalt, bei denen es primär um Übergriffe gegenüber Klient*innen geht; nach fünf Jahren ist eine Auffrischung vorgesehen.

Die Leitungsebene wird zusätzlich zu den arbeitsrechtlichen Aspekten in zweitägigen Schulungen des Diözesanverbands fortgebildet. Um allen Beschäftigten die Teilnahme zu erleichtern, werden alle Beratungen und Schulungen als Arbeitszeit gewertet.

Außerdem betreibt die Präventionsbeauftragte aktive Öffentlichkeitsarbeit nach innen. Ebenso wirbt sie offensiv nach außen mit den eigenen Präventionsaktivitäten, u.a. um bereits im Vorfeld potenzielle Täter*innen davon abzuschrecken, sich dort zu bewerben. Das Schutzkonzept sieht auch vor, das Thema in jedem Bewerbungsgespräch anzusprechen. Die Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses ist Voraussetzung für alle - auch ehrenamtlichen - Tätigkeiten für die Caritas Eifel. Die Maßnahmen zur Prävention sind Teil des Qualitätsmanagements und werden regelmäßig auf Aktualität und Angemessenheit überprüft.

Stimmen aus der Praxis und Wirksamkeit

Verschiedene Befragte aus dem Betrieb sehen den Vorteil der Stelle der Präventionsbeauftragten darin, dass ganz klar ist, wer im Unternehmen für die Thematik zuständig und ansprechbar ist. Auch habe die Stelle ausreichend zeitliche Kapazitäten für eine gelingende Präventionsarbeit. Zudem werde durch die organisationale Anbindung als Stabstelle die Relevanz des Themas sexuelle Gewalt am Arbeitsplatz für den Träger unterstrichen. Diese Offenheit sowie die Kooperation mit einer nicht konfessionellen Fachberatungsstelle sei keinesfalls selbstverständlich, so eine Kooperationspartnerin. Sie lobt, es werde beim Träger ein „echter Fürsorgegedanke“ sowohl gegenüber den Mitarbeiter*innen als auch gegenüber den Klient*innen deutlich. Auf die Effekte der Aktivitäten angesprochen, betont die Präventionsbeauftragte die zunehmende Zufriedenheit der Mitarbeiter*innen. Es gelinge allmählich, eine Kultur zu etablieren, in der sexuelle Belästigung ansprechbar ist, auch wenn es unbequem ist: "Wenn es passiert, wir können darüber sprechen und wir sind da". Dies bestätigt auch die Fachbereichsleiterin Gesundheit und Pflege. Auch aus ihrer Sicht sind sexuelle Übergriffe nun kein Tabu mehr in der Organisation. Früher sei es sehr viel schwieriger gewesen, das Thema anzusprechen. Ein Zeichen für diese Offenheit ist für sie, dass sich Mitarbeiter*innen selbst an die Präventionsbeauftragte gewendet hatten und eine Fortbildung zu Übergriffen durch Pflegebedürftige anregten. Diese Schulung habe sich bewährt, den Rückmeldungen der Pflegekräfte zufolge gingen diese gestärkt und mit hilfreichem Handwerkszeug aus der Fortbildung. Dass großer Bedarf zum Austausch über das Thema besteht, sei in den Schulungen deutlich geworden, bestätigt die Mitarbeiterin von RückHalt e.V., die die Fortbildung durchführte. Sobald das Eis gebrochen war, sei die Gesprächsatmosphäre offen und lebendig gewesen, nicht zuletzt dank der interaktiven Gestaltung.

Die Aktivitäten beim Caritasverband für die Region Eifel e.V. gehen aus Sicht der Fachbereichsleiterin Gesundheit und Pflege über das hinaus, was die meisten anderen Pflegedienste diesbezüglich unternehmen. Auch wenn zu Beginn Zweifel an der Wirtschaftlichkeit bestanden, sind die Befragten mit den Maßnahmen sehr zufrieden. Schließlich, so die Fachbereichsleiterin, ist die Gesundheit der Beschäftigten „das höchste Gut“ der Einrichtung. Der Geschäftsführer sieht den Verband auf einem guten Weg in einem Prozess, der eher mittelfristig zu Veränderungen führen wird. Es ist ihm ein Anliegen, die gesellschaftlichen Entwicklungen in den Arbeitsalltag der Organisation zu tragen.

Dabei sieht er die Führungsebene in der Verantwortung: "Es [muss] von oben klar sein (...) , dass wir gemeinsam in einem Boot sitzen und dass wir bestimmte Dinge nicht tolerieren".

Einbettung der Maßnahme

Die Präventionsbeauftragte ist mit der Koordinationsstelle gegen sexualisierte Gewalt des Bistums Aachen vernetzt und in themenbezogene Austauschforen und Fortbildungsangebote einbezogen. In diesem Rahmen wirbt sie für eine ganzheitliche Betrachtung der Thematik. Sie berät andere Organisationen zu Präventionsarbeit und führt nach Anfrage Präventionsschulungen nach der Präventionsordnung, Online-Seminare und Fortbildungen sowie Kooperationsprojekte z.B. mit Kindern in Grundschulen und mit psychisch kranken Erwachsenen zur Selbstbehauptung durch.

Tipps für die Übertragung

Voraussetzung für gelingende Präventionsarbeit – so die einhellige Einschätzung der im Betrieb Befragten – ist die Überzeugung der Führungskräfte. Geschäftsleitung, Vorstand und auch Vorgesetzte der mittleren Ebenen sollten hinter den Maßnahmen und den Präventionsbeauftragten stehen. Die Einrichtung einer Präventionsbeauftragtenstelle komme für vergleichbar große Träger in jedem Fall in Frage. Kleinere Träger, so eine Anregung, könnten sich zusammenschließen und gemeinsam eine solche Stelle schaffen oder sich der Präventionsarbeit größerer Träger anschließen. Keinesfalls sollte aus Mangel an Ressourcen die Geschäftsleitung die Präventionsaufgaben übernehmen, da Beschäftigte dieser in der Regel nicht ihre Probleme anvertrauen, so der Geschäftsführer. Die Stellen sollten mit angemessenen Kapazitäten und Befugnissen ausgestattet sein. Der Besuch von Fortbildungen und die Inanspruchnahme von Beratung müsse unbedingt im Rahmen der Arbeitszeit erfolgen. Die Verankerung im Qualitätsmanagement legitimiere die Handlungen der Präventionsbeauftragten und die Ausgestaltung als Stabsstelle demonstriere die Unterstützung durch die Leitung und eröffne ausreichend Handlungsspielräume. Wichtig sei außerdem ein einrichtungsübergreifender Austausch und Möglichkeiten zur Kompetenzerweiterung für die Präventionsbeautragte. Der Geschäftsführer der Caritas betont, wie wichtig es ist, dass Angestellte selbst den Bedarf erkennen, z.B. im Rahmen von Workshops, in denen der Austausch über individuelle Erfahrungen angeregt wird. Sei eine Vertrauensbasis geschaffen, sind die Angestellten auch bereit, Beratung aufzusuchen. So könne „eine Kultur (…) die hinguckt“ etabliert werden. Wichtig sei allerdings – und damit ließe sich auch innerbetrieblichem Widerstand wirksam begegnen – allen im Unternehmen zu vermitteln, dass sie keinesfalls unter „Generalverdacht“ stehen und sich die Maßnahmen nicht gegen die Mitarbeitenden richten, sondern einen sensibilisierten Umgang miteinander fördern sollen.

Das offizielle Logo vom Caritasverband für die Region Eifel e.V.

Weiterführende Materialien zur Maßnahme