Deutsches Nationaltheater und Staatskapelle Weimar Partizipative Erarbeitung von Verhaltensgrundsätzen und einer Betriebsvereinbarung

Mit Workshops und unter Beteiligung aller Leitungspositionen sowie weiteren Mitarbeiter*innen werden am Theater in einem mehrstufigen Prozess Leitlinien und eine Betriebsvereinbarung zur Antidiskriminierung und sexuellen Belästigung erarbeitet.

Arbeitgebertyp:
Öffentlicher Betrieb und Verwaltung
Branche:
Kunst und Kultur
Anzahl der Mitarbeiter*innen:
409
Maßnahme:
Verhaltensgrundsätze und Betriebsvereinbarung
Durchführung:
seit 2019
Weitere Maßnahmen gegen sexuelle Belästigung:

Beratungs- und Beschwerdestellen

Kontakt

Sabine Rühl, kaufmännische Geschäftsführung E-Mail: geschaeftsfuehrung@nationaltheater-weimar.de

Einige Angaben zum Arbeitgeber

Das Deutsche Nationaltheater und die Staatskapelle Weimar (DNT) machen kulturelle Angebote in den Sparten Oper, Schauspiel, Tanz und Konzert. Rechtsform ist eine gemeinnützige GmbH, Gesellschafter sind das Land Thüringen und die Stadt Weimar. Das DNT wird durch den Generalintendanten und die kaufmännische Direktorin geleitet.

Ausgangslage und Motivation

Weiterführende Materialien zur Maßnahme

Der Deutsche Bühnenverein formulierte im Jahr 2018 einen wertebasierten Verhaltenskodex zur Prävention von sexuellen Übergriffen und Machtmissbrauch unter Mitwirkung des Generalintendanten in seiner Eigenschaft als Ko-Vorsitzender der Intendant*innengruppe im Deutschen Bühnenverein. Dieser Kodex wurde bei der Jahreshauptversammlung von den Mitgliedern, dem Präsidium und dem Vorstand des Deutschen Bühnenvereins beschlossen.

Im Anschluss stellte die Geschäftsleitung des DNT den Verhaltenskodex dem Betriebsrat vor, um gemeinsam zu überlegen, welche Maßnahmen daraus für das Theater abgeleitet werden sollen. Anfangs gab es vereinzelt Widerstand mit dem Argument, dass es im DNT keine größeren Probleme mit sexueller Belästigung gebe und das Thema nicht so groß gemacht werden müsse. Teile der Belegschaft brachten dagegen ihre Erfahrungen mit unangebrachtem sexuellem Verhalten im Betrieb vor. Sie fühlten sich sowohl durch den Verhaltenskodex des Bühnenvereins, als auch durch die mediale Aufmerksamkeit im Rahmen der #Me Too Debatte bestärkt, ihre Anliegen anzusprechen.

Diese Impulse bestärkten die Geschäftsleitung und den Betriebsrat in ihrer Motivation, eine klare Positionierung gegen sexuelle Belästigung und Diskriminierung zu entwickeln.

Maßnahmenbeschreibung

Angeleitet durch ein externes Moderationsteam trafen im Frühjahr 2019 eine Vielzahl von Verantwortlichen aus dem künstlerischen und technischen Bereich sowie dem Verwaltungsbereich in einem eintägigen Workshop zusammen, der partnerschaftliche Kommunikation sowie den Umgang mit diskriminierendem und übergriffigem Verhalten bearbeitete. Der Impuls dazu kam von der Geschäftsleitung. In kleinen Arbeitsgruppen wurden in einem offenen Format Defizite bestimmt und Zielstellungen erarbeitet. Die Ergebnisse der Kleingruppen wurden allen Teilnehmenden und später auch in einer Vollversammlung vorgestellt. Im Anschluss wurden die Themen in der Leitungsrunde diskutiert und innerhalb eines Vierteljahres wurde ein erster Entwurf der Leitlinien von der Geschäftsführung vorgelegt. In die Erarbeitung der Leitlinien hat die Geschäftsleitung in mehreren Stufen verschiedene Leitungsebenen und die Betriebsräte eingebunden.

Die ausgearbeiteten Leitlinien des DNT wurden allen Mitarbeiter*innen in einer Vollversammlung präsentiert. Zudem sind sie Bestandteil aller neu geschlossenen oder geänderten Verträge, auch mit Gästen und Freischaffenden. Inhaltlich orientieren sich die Leitlinien am Wertekodex des Deutschen Bühnenvereins. Thematisch behandeln sie die Schwerpunkte Respekt, Kommunikation, Gleichstellung und Ethos. Darüber hinaus existieren besondere Leitlinien für Führungskräfte und Gäste in leitender Position. In diesen wird auf die Punkte Kommunikation, Konfliktlösung, Vertrauen und Gerechtigkeit sowie Gesundheit und Arbeitsschutz eingegangen.

Nach Implementierung der Leitlinien folgte als nächster Schritt die Entscheidung von Geschäftsführung und Betriebsräten, dass eine gemeinsame Betriebsvereinbarung zum Schutz vor Diskriminierung und zur Förderung partnerschaftlichen Verhaltens in gemeinsamer Ausarbeitung entstehen soll. Einen Schwerpunkt stellt dabei die sexuelle Belästigung sowie die sexualisierte Gewalt dar. Ziel ist es, durch eine rechtlich verbindliche Betriebsvereinbarung antidiskriminierendes Verhalten bindend zu machen. Daneben schafft ein Glossar begriffliche Klarheit. Durch die deutliche Positionierung des Hauses sollen die Ratsuchenden und Betroffenen ebenfalls ermutigt werden, sich an Ansprechpersonen zu wenden.

Die guten Erfahrungen aus dem partizipativen Vorgehen bei der Leitlinienerarbeitung werden derzeit auf die Entwicklung der Betriebsvereinbarung Antidiskriminierung übertragen. Alle Teilnehmenden der Arbeitsgruppe nahmen dafür zunächst an informativen Veranstaltungen zu Antidiskriminierung und Maßnahmen gegen sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt teil. Expertinnen der überbetrieblichen Vertrauensstelle Themis unterstützten die Arbeitsgruppe Antidiskriminierung beratend zum konkreten Umgang mit Fällen sowie Handlungsmöglichkeiten. Dies gab den Mitgliedern der Arbeitsgruppe Handlungssicherheit und brachte sie auch bei der Bearbeitung der Betriebsvereinbarung ein großes Stück voran.

Bei der konkreten Erarbeitung der Betriebsvereinbarung bieten Beispiele von Betriebs-vereinbarungen aus anderen Institutionen und Theatern eine Orientierungshilfe. Es ist geplant, die Betriebsvereinbarung im Herbst 2021 fertig zu stellen.

Stimmen aus der Praxis und Wirksamkeit

Zu Beginn der Erarbeitung von Leitlinien und Betriebsvereinbarung gab es nicht immer einheitliche Meinungen über das Vorgehen und die Wichtigkeit der Problematik. Die verschiedenen Parteien sind jedoch im Gespräch geblieben und haben es so geschafft, sich gemeinsam dem Thema anzunähern und daran zu arbeiten.

Grundsätzlich werden die jährlich befristeten Verträge in der Theaterbranche als problematisch angesprochen. Diese könnten bei Betroffenen die Bereitschaft hemmen, sexuelle Belästigung oder andere Formen der Diskriminierungen anzusprechen. Es sei daher besonders wichtig, die positionierte Haltung des Theaters gegen sexuelle Belästigung herauszustellen. Die Beschäftigten nehmen die starke Thematisierung und Auseinandersetzung damit positiv wahr: „Dadurch, dass das Thema in den Vordergrund kam, haben sich Mitarbeiter*innen getraut, sich zu äußern (...) und nicht alles hinzunehmen, eine Grenze zu ziehen.", so Schauspielerin und Betriebsratsmitglied Johanna Geißler.

Das Ziel des DNT beschreibt der Generalintendant Hasko Weber wie folgt: „Es gilt, die Kultur des Umgangs miteinander zu ändern und schrittweise ein zeitgemäßes Selbstverständnis zu entwickeln. Es geht um Vertrauen. Dazu braucht es Zeit und viel Geduld.“

Durch die intensive und gemeinsame Auseinandersetzung mit sexueller Belästigung sowie anderen Diskriminierungsformen wurden diese im gesamten Theater sehr präsent wahrgenommen. Auch die unterschiedlichen Vorstellungen über Herangehensweisen haben letztlich dazu geführt, sich stärker damit auseinanderzusetzen.

Einbettung der Maßnahme

Im Vorfeld zu der Diskussion um die Leitlinien wurde mit Unterstützung des Betriebsrates eine Antidiskriminierungsbeauftragte eingesetzt sowie zwei Gleichstellungsbeauftragte gewählt. Diese sind neben dem Betriebsrat Anlaufstellen für Beratungssuchende bei sexueller Belästigung und erhöhen die Diversität der möglichen Ansprechpersonen. Alle Mandatsträger*innen wurden geschult und deren außerbetriebliche Vernetzung und Weiterbildung gefördert. Die zuständigen Stellen werden in den Personalversammlungen den Mitarbeitenden ins Gedächtnis gerufen. Zudem finden sich Aushänge mit den Fotos und Kontaktdaten der verschiedenen Ansprechpersonen im Personaleingang des Theaters.

Darüber hinaus ist das DNT mit anderen Theatern sowie mit der Themis Vertrauensstelle im ständigen Austausch, die bei der Ausarbeitung der Betriebsvereinbarung enorm unterstützt hatte.

Tipps für die Übertragung

Eine klare Positionierung der Theaterleitung ist unabdingbar, um Leitlinien oder eine Betriebsvereinbarung zu entwickeln. Darüber hinaus muss das gesamte Personal miteinbezogen werden. Es gilt, eine offene Betriebsatmosphäre zu gestalten, in der alle Mitarbeitenden an einem Strang gegen sexuelle Belästigung ziehen.

Die Antidiskriminierungsbeauftragte Eva Bormann empfiehlt, die Themen Antidiskriminierung sowie sexuelle Belästigung in alle Bereiche eines Unternehmens zu tragen, um die Kommunikation darüber zu fördern. Die verschiedenen Erfahrungshintergründe seien sehr wichtig, um zunächst den Austausch voranzubringen, aber auch einen gemeinsamen Wissensstand zu erarbeiten. Daneben sei es äußerst hilfreich, sich in der Erarbeitung einer Betriebsvereinbarung an guten Beispielen vergleichbarer Betriebe zu orientieren. Die Betriebsvereinbarung solle so gestaltet sein, dass sie Klarheit schaffe und sich alle Mitarbeiter*innen angesprochen fühlten. Dadurch würden Mitarbeiter*innen ermutigt, bei Bedarf eine Beratung aufzusuchen. Eine Betriebsvereinbarung solle darüber hinaus allen Beteiligten Handlungssicherheit bieten und Verständlichkeit schaffen, was unter Begriffe wie sexuelle Belästigung oder Diskriminierung beziehungsweise Antidiskriminierung fällt.

Neben internen Anlaufstellen müsse auch über externe Beratungsangebote informiert werden, da die Hemmschwellen hoch sind, sich an Kolleg*innen im eigenen Theater zu wenden, so Bormann. Daher arbeitet das Theater auch mit der Themis Vertrauensstelle zusammen. Sie ist die betriebsübergreifende Beratungsstelle bei sexueller Belästigung für die Medien- und Kulturbranche.

Der Generalintendant Weber sieht es als unabdingbar, dass sich das Bewusstsein im Unternehmen ändern müsse. Daher sei ein Austausch mit allen Beschäftigten über die Relevanz des Themas entscheidend. Gemeinsame Werte könnten nur ganzheitlich vertreten werden, wenn viele an der Erarbeitung von Zielsetzungen beteiligt sind. Dies sei ein langer Prozess, welcher auch erst einmal Gegenbewegungen hervorrufen kann. Von diesen sollte sich jedoch niemand entmutigen lassen. Dazu Weber: „Wir sind kein Musterbeispiel. Wir befinden uns in einem Prozess".

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Weiterführende Materialien zur Maßnahme